Religionen
Menschen, die ihre Religiosität offen zur Schau stellen (den Fisch am Auto, das Kreuz um den Hals, das Kopftuch im Spiegel, die Bibel auf dem Schreibtisch) verschaffen sich damit ein stilles moralisches Guthaben. Nicht durch Handlungen, sondern durch Zugehörigkeit. Das Symbol ersetzt das Tun. Es sagt "Ich bin religiös, also bin ich gut."
Jeder Gang zum Auto und der Blick auf den Fisch am Heck, jedes Anlegen der Kette, jedes Tuch über dem Haar frischt dieses Gefühl auf. Es ist kein flüchtiger Effekt wie beim bekannten Moral Licensing, wo gute Taten kurzfristig schlechte legitimieren. Es ist Dauerzustand. Das Symbol lädt die innere Waagschale permanent auf - und wer diese moralische Deckung ständig bei sich trägt, kann sich vermeintlich fast alles erlauben.
Doch gerade jene, die am lautesten ihre Moral verkünden, sind oft die Rücksichtslosesten. Sie können das, weil sie dieselbe Fähigkeit zur Ausblendung kognitiver Dissonanzen besitzen, mit der sie auch die Widersprüche in ihrer heiligen Schrift ignorieren. Wer systematisch die logischen Unmöglichkeiten und moralischen Abgründe eines religiösen Textes ausblenden kann, kann ebenso systematisch die Diskrepanz zwischen religiösem Anspruch und tatsächlichem Verhalten ausblenden.
Das ist schlimmer als bewusste Heuchelei - es ist vollständige Selbsttäuschung. Diese Menschen lügen nicht, sie haben die Lüge verinnerlicht. Ihr Denken ist so eingerichtet, dass Widersprüche gar nicht erst ins Bewusstsein dringen. Der Handwerker, den ein Christ mit Fischsymbol übervorteilt, hat es nicht mit einem Zyniker zu tun, sondern mit jemandem, der sich trotz des Betrugs als anständig empfindet. Die religiöse Identität neutralisiert jedes Fehlverhalten.
Das funktioniert universell, bei jeder Religion. Der Mechanismus ist identisch: Demonstrative religiöse Symbole signalisieren nicht Integrität, sondern die Abwesenheit moralischer Selbstreflexion. Es sind Menschen, die sich ihre Moral nicht durch Handlungen verdienen müssen, sondern durch Zugehörigkeit bereits besitzen.
Das gilt allerdings nur, solange diese Symbole nicht vom Mainstream getragen werden. In stark religiösen Gesellschaften, wo fast jeder solche Symbole zeigt, verlieren sie ihre Funktion als moralisches Sondergewicht. Dann tragen auch die Durchschnittlichen sie und das aus sozialem Druck, nicht aus Selbstlegitimation.
Wer seinen Glauben kritisch hinterfragen möchte, dem empfehle ich die Beschäftigung mit Ludwig Feuerbachs Religionskritik, wonach Götter eine Projektion menschlicher Eigenschaften sind. Kinder werden nicht religiös geboren, sondern durch ihre Bezugspersonen zum Glauben gebracht!
